Nach dem Ende des Krieges 1945, als die Welt in Trümmern lag, gaben die Sieger der europäischen Landkarte ein neues Gesicht. Vor allem im Osten von uns wurden Grenzen neu gezogen, zum Teil willkürlich und von verschiedenen Interessen geleitet. Und auf keinen Fall entlang historischer Linien. Das war nicht immer fair und verbunden mit zahlreichen Enteignungen, Vertreibungen und Ungerechtigkeiten, aber die Bewohner der betreffenden Regionen wurden bei solchen Aktionen in der Geschichte bekanntlich nie einbezogen.

Dass wir in Mitteleuropa seit so vielen Jahren in Frieden leben, von der traurigen Episode der Kriege auf dem Balkan einmal abgesehen, lag auch daran, dass von den Regierungen diese neuen Grenzen im wesentlichen akzeptiert wurden. Wenn auch manchmal nur zähneknirschend. Die Deutschen haben hingenommen, dass das Sudetenland tschechisch ist sowie Schlesien und Ostpreussen polnisch. Dafür ist Lemberg seitdem als Lwiw in der Ukraine, Vilnius nicht mehr in Polen sondern in Litauen und Brest in Belarus.

Die Akzeptanz dieser Neuordnung war Basis für den jahrzehntelangen Frieden. Vielleicht eine instabile Ordnung, aber immerhin. Bis 2014, als Russland der Meinung war, die Krim „zurück“ zu holen. Und die Gebiete im Osten der Ukraine. Weil Präsident Putin der Meinung war, zu alter zaristischer oder sowjetischer Größe zurück zu müssen und das nur mit den früheren Grenzen zu können. Und die Welt ließ ihn gewähren. Trotz neuer Vertreibungen, trotz Bruch internationaler Verträge, trotz Geschichtsfälschung, Lügen, der Entführung und Ermordung von Wolodymyr Rybak, Grenzverschiebungen, Inszenierung von Volksabstimmungen, Ausrufung von Volksrepubliken als Vorstufe der Annexion.

Und nun dieser Krieg in der Ukraine. Für den es außer dem russischen Großmachtstreben und Putins Geschichtsrevisionismus keinen einzigen Anlass gab. Wirklich keinen. Auch wenn viele das nicht wahrhaben wollen. Selbst die Behauptung, die Aufnahme der Ukraine in die Nato wäre eine Bedrohung Russlands ist schon deswegen falsch, weil das Deutschland und Frankreich seit Jahren erfolgreich verhindert haben. Das einzige Ziel dieses Krieges ist die Verschiebung von Grenzen, die Wiederherstellung einstiger Größe, die Vernichtung ukrainischer Kultur und Geschichte. Das wurde lange vorbereitet. Im russischen Fernsehen wurde in Talkshows darüber debattiert, welches Land zuerst zu erobern wäre. Reden wurden gehalten, Lügen verbreitet, Ansprüche angemeldet. Militärisch aufgerüstet sowieso. Das Ziel ist schon lange klar benannt.

Und wenn das Beispiel Schule macht? Wenn jetzt in einem nächsten Schritt Polen den Westen der Ukraine erobert? Und das halbe Weißrussland? Wenn deutsche Truppen in Ostpreussen einmarschieren und danach die Sudeten und Schlesien zurückerobern. Und die Schneekoppe? Wenn Prag die Slowakei zurückfordert, Österreich Böhmen und Mähren, Frankreich das Saarland und Schweden die Insel Rügen? Mit solchen angeblich berechtigten Forderungen haben beide Weltkriege begonnen.

Deshalb darf Russland diesen Krieg nicht gewinnen! Dieser Eroberungskrieg darf keinen Erfolg haben. Wehret den Anfängen! Deshalb braucht die Ukraine unsere volle Unterstützung. Alle Waffen, die sie benötigen, um die Aggressoren zu vertreiben. Alle Beobachter, um die Gräuel zu untersuchen. Wer einen Kompromiss fordert, welcher Russland mehr zugesteht als die Grenzen von vor 2014, belohnt die Aggressoren und begeht Verrat an der fragilen Ordnung. Und öffnet die Tür für die nächsten Konflikte. Dort, wo die russische Armee nicht zurückgewiesen wurde, ist sie geblieben: In Tschetschenien, Südossetien, Abchasien, Syrien…

Wer nun einstimmt in die Kritik an der ukrainischen Führung wegen ihres undiplomatischen Gesprächsstils oder der Ausladung des Bundespräsidenten, der möge still halten bis nach dem Krieg. Mit jemandem, der um Hilfe ruft, diskutiert man nicht über Grammatik, man hilft ihm. Mit aller Kraft. Mit allem, was geht. Und so schnell wie möglich.

Und trotz dieser hoffnungslosen Lage setzen wir uns als Bündnis C für eine friedliche Lösung ein. Für ein Ende des Krieges ohne die Kapitulation als Voraussetzung für Gespräche. Wegen der vielen betroffenen Menschen, die nicht warten können. Wegen der Notwendigkeit, auch der russischen Bevölkerung danach wieder in die Augen schauen zu können. Wegen der reichhaltigen jüdischen Kultur und Geschichte in dieser Gegend. Und wegen Ostern, weil Gott einen Ausweg gezeigt hat aus der Spirale von Hass und Unvergebenheit.

Bleiben Sie gesund.
Hartmut Voß
Beisitzer im Vorstand des Landesverbandes in Sachsen